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DRSL-Rennberichte

Bericht

Name des Laufes:Boston Marathon
mehr zum Lauf: VID14
Datum des Laufes:15.4.2002 (Mon)
Ort:Boston, Massachusetts (USA)
Plz:
Homepage:www.bostonmarathon.org
Strecken:MA
Beschaffenheit:Asphalt
Profil:hügelig
Wetter:kühl
Teilnehmer:ca. 17.000
Name des Berichtenden:(nur für eingeloggte Nutzer sichtbar)
(Autor-LID zuordnen: Login und [Edit])

Bericht vom 7.10.2002 (Mon)
Boston Marathon 15. April 2002


Hopkinton, Wellesley College, Heartbreak Hill, CITGO-Sign - welcher
Marathonläufer träumt nicht davon, einmal beim traditionsreichsten Marathon
der Welt in Boston, Massachusetts dabei zu sein?

Mein Ziel, einen Marathon in weniger als drei Stunden zu laufen, habe ich in
München 2001 zwar knapp (um 7 Minuten) verpasst, aber die Qualifikationszeit
von 3:15 für Boston habe ich geschafft. Lange überlege ich, ob ich hinfahren
soll, aber kurz vor Weihnachten beschließe ich, einen Versuch zu
unternehmen. Im Internet fülle ich innerhalb von Minuten die Anmeldung aus
und lasse dem Schicksal seinen Lauf.

Wenige Tage später kommt eine Mail von der Boston Athletes Association. Ich
habe einen Startplatz. Die Freude ist groß - aber jetzt heißt es trainieren.
Immerhin gilt der Kurs als sehr hügelig und damit relativ anspruchsvoll.

Obwohl ich ja viel lieber im Wald laufe, bin ich Anfang des Jahres wegen der
Dunkelheit viel auf den Strassen unterwegs. Am Wochenende kommen noch einige
lange Trainingseinheiten auf Langlaufskiern dazu, da hole ich mir auch die
Bergtrainings, die auf meinen gewohnten Strecken im Münchner Osten leider
nicht zu finden sind. Für meine Verhältnisse laufe ich recht viel - zwischen
40 und 80 km die Woche .



Am 12. April geht's endlich los, mit einem kleinen Zwischenstopp in Paris
fliege ich nach Boston. Am Samstag geht es erst mal auf die Marathonmesse.
Dank der Superorganisation habe ich innerhalb von 10 Minuten meine
Startunterlagen. Der Bummel über die Messe dauert da schon länger. In dieser
Atmosphäre kommt langsam die Stimmung - so eine Mischung aus Nervosität,
Freude, Stress, Angst (schaffe ich das überhaupt), Aufregung.

Das Wetter ist frühlingshaft - fast ein bisschen zu warm für einen Marathon.
Den Samstagnachmittag und Sonntag verbringe ich mit Stadtbesichtigung.
Boston ist eine traumhafte amerikanische Stadt.

Der Lauf findet traditionell am Patriots Day statt. In Massachusetts ist
dieser 3. Montag im April, der an die Helden der amerikanischen Revolution
erinnert, Feiertag.



Die Nacht vor dem Lauf - ich schlafe unruhig. Es schüttet in Strömen. Um 6
Uhr muss ich aufstehen. Der Start ist zwar erst mittags um zwölf, aber ab
6:00 Uhr fahren die Busse, die die Teilnehmer aus der Stadt an den Start in
Hopkinton bringen. Dank meiner niedrigen Startnummer darf ich zwar mit einem
Bus relativ spät (ab 8:00) fahren, aber das Hotel liegt auch noch etwas
außerhalb, d.h. ich muss erst mit dem Shuttle zur U-Bahn und dann noch ins
Zentrum. Der Frühstücksraum ist trotz der frühen Stunde voll.

Zum Glück hat der Regen nachgelassen, in leichtem Nieseln mache ich mich auf
den Weg in die Stadt.

Die Busse fahren vom Boston Common, dem großen Park im Zentrum der Stadt. In
langen Schlangen stehen die gelben Schulbusse bereit, um die fast 17000
Teilnehmer zum Start zu bringen. Auch hier ist alles perfekt organisiert,
innerhalb kürzester Zeit sitze ich im Bus und schon geht es los. Ein bunt
gemischtes Volk aus allen möglichen Ländern trifft sich hier. Einige dösen
noch vor sich hin, andere unterhalten sich lautstark. Neben mir sitzt ein
75-jähriger Japaner, der bereits einige Male hier mitgelaufen ist. Im Bus
ist es richtig kühl, es zieht durch alle Fenster. Nach einer dreiviertel
Stunde kommen wir in Hopkinton, einer Kleinstadt an. Auf dem College-Gelände
sind riesige Zelte aufgebaut, in denen wir die Zeit bis zum Start
überbrücken. Langsam füllen sich die Zelte. Viele, mit denen ich mich
unterhalte, sind wie ich zum ersten Mal dabei. Jeder ist gespannt, nervös.

Um 11.00 Uhr mache ich mich auf den Weg zum eigentlichen Startgelände und
den Gepäckbussen. Der Regen hat aufgehört, die Wolken hängen aber noch tief.
Es ist recht kühl, das optimale Laufwetter. Rund um das Startgelände
herrscht schon Volksfeststimmung. Die Zuschauer verköstigen sich an den
Imbissbuden. In jeder Seitenstraße sehe ich Läufer, die sich aufwärmen. Da
die Anwohner hier keine Zäune um ihre Grundstücke ziehen, leiden einige
Büsche und Bäume in den Gärten unter den (männlichen) Läufern, die ihre
letzte Chance nutzen.



Der Startbereich ist in 1000er-Startgruppen unterteilt. Es wird genau
kontrolliert, dass auch wirklich nur Läufer mit den richtigen Startnummern
in ihren Bereich gehen. Die Startnummernvergabe erfolgte auf Grund der
Qualifikationszeiten. Mit meiner Startnummer 3696 stehe ich zum Glück sehr
weit vorne. Kurz vor zwölf - die amerikanische Nationalhymne wird gesungen.
Ich kann die Anspannung rund um mich richtig spüren.



Punkt zwölf - der Startschuss. Auf nach Boston.....



Es dauert keine zwei Minuten, bis ich über die fiependen Matten der
Zeitmessung an der Startlinie bin. Erst mal geht's steil bergab - so habe
ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Ich dachte eher an leichte Hügel.
Ich versuche, ganz locker runter zu traben, aber in der Startaufregung
und -euphorie fällt mir das nicht leicht. Rund um mich juchzen die
Teilnehmer, die Zuschauer jubeln - toll. Der erste volle Adrenalinschub
verursacht schon mal eine Gänsehaut.



Was ist das? Es geht bergauf? Dabei hieß es doch, die ersten zwanzig
Kilometer geht es nur bergab!!! Von wegen. Die Strecke geht ständig auf und
ab. Na - das kann ja spannend werden zum Ende hin.



Eigentlich verläuft der Kurs durch sehr ländliche Landschaft, aber überall
sind die Anwohner in Ihren Vorgärten und feuern uns an. Nach jeder Meile
gibt es eine offizielle Verpflegungsstelle, aber im Grunde werden wir
ununterbrochen versorgt. Die Zuschauer haben Wasser, Schwämme und Obst für
die Läufer.



Die Stimmung unter den Läufern und Zuschauern ist traumhaft. Den Pacemaker
meiner Uhr, der eigentlich alle 6:55 min piepst (das wäre meine Traumzeit
pro Meile), höre ich auf der ganzen Strecke nur zwei mal, so laut ist es.



Kurz vor Halbmarathon, bisher läuft es super. Aus der Ferne höre ich ein
Geräusch. Als ich näher komme, wird mir klar, das ist der "Scream Tunnel"
von Wellesley College. Hunderte College-Schülerinnen stehen an der Strecke
und kreischen, was das Zeug hält. Es ist unglaublich laut. Viele haben ein
Plakat dabei "Hi, I'm from California (oder sonst wo), you can kiss me". Was
tun?!? Ein Blick auf die Uhr sagt, dass die drei Stunden noch möglich sind,
also verkneife ich mir einen Stopp und laufe weiter. Später wird sich
zeigen, dass der Kilometer bei Wellesley der schnellste meines ganzen Laufes
war - kein Wunder. Ein Mitläufer meint nach Wellesely: "Ok, let's slow down
to a 4:30 pace again, guys" und lacht dabei bis über beide Ohren, das muss
das "runner's high" sein.

Was stand auf einem riesigen Werbe-Plakat von adidas kurz vor Wellesley: "Do
not underestimate the power of positive screaming". Jetzt verstehe ich, was
damit gemeint war.



Die Halbmarathonmarke, ich habe meinen Puls wieder einigermaßen
runtergebracht nach diesem High. Knapp unter 1:30 - wow. Ich fühle mich noch
supergut drauf. Aber das Schlimmste steht ja noch bevor - der
Heartbreak-Hill.



Bei Kilometer 26 gibt es Powergel. Ich habe mir vorgenommen, vor der
Hügelkette der Newton Hills hier eine Stärkung mitzunehmen. Das Zeug klebt
ziemlich, aber an der nächsten Verpflegungsstelle spüle ich das ganze mit
viel Flüssigkeit runter. Ob es wirklich was hilft, weiß ich nicht, aber
Einbildung ist ja auch was wert, und ich fühle mich auf jeden Fall besser.
Bei der Feuerwehrstation in Newton geht's um die Kurve, und da sind sie -
die berüchtigten Newton Hills mit dem Heartbreak Hill. Auch die hatte ich
mir nicht so steil und lang vorgestellt. Ich nehme ein bisschen Tempo raus
und laufe unter der Anfeuerung der Zuschauer die Hügel rauf. Bei Kilometer
32 ist es geschafft. "It's all down from here" - jetzt geht's bergab. Aber
wie! In der Ferne sehe ich unten die Stadt mit dem Hancock Tower. Da will
ich hin. Vorbei am Boston College lasse ich es runter laufen. Der Quadrizeps
zieht ein bisschen, die vielen Steigungen und Gefälle machen sich jetzt doch
bemerkbar. Aber ich fühle mich noch ganz gut. Und es sind ja "nur" noch ein
paar Kilometer. Der mit dem Hammer ist offensichtlich daheim geblieben.
Kilometer 35, knapp unter 2 ? Stunden. "Ja, Du schaffst es unter 3" sage ich
mir immer wieder - "jetzt nicht nachlassen". Ich laufe inzwischen in der
Stadt, die Zuschauer stehen in mehren Reihen hintereinander und jubeln. Auch
sie feuern mich/uns an. "You make it, you'll break three hours." Ich bin
überrascht, dass die hier mitrechnen - toll.



Das CITGO-Sign. Ab dort ist es noch eine Meile bis zum Ziel. Wie oft habe
ich davon gelesen. Aber ich hatte keine richtige Vorstellung, was es genau
ist. Jetzt sehe ich es. Eine riesige viereckige Leuchtreklame (20m Kantenlänge) auf einem
Haus. Leider ist es bis dahin auch noch eine Meile. Ich kämpfe mit dem
inneren Schweinehund, der jetzt eigentlich ein bisschen langsamer werden
möchte. "Bis zur nächsten Kreuzung - bis zur nächsten Ecke" usw. mache ich
mir Mut. Und dann ist es endlich soweit. Ich biege in einer letzten 90-Grad
Linkskurve auf die Boylston Street.



Die Zielgerade. Ganz weit weg das Ziel. Tausende Zuschauer auf beiden Seiten
der Straße. Die Uhr. Langsam tickt sie auf die drei Stunden hin.



Ich realisiere, dass ich es schaffe. Boston! Unter drei Stunden! Bei
2:59:irgendwas reiße ich die Arme hoch und laufe über die Ziellinie. Ich
fühle mich saugut.



Die Helfer hängen mir gleich eine Medaille um, Sekunden später eine
Alufolie. Irgendwer drückt mir einen Plastikbeutel mit Verpflegung in die
Hand. Ich blicke um mich. Fast überall glückliche Gesichter.



Mein Muskelkater an den nächsten Tagen hält sich in Grenzen. Noch zwei Tage
genieße ich Boston um Umgebung. Vielleicht komme ich ja wieder.





Danksagung: Bedanken möchte ich mich vor allem bei Barbara, meiner Frau und
persönlichen Trainerin, die mich bei meinem Training mit Trainingsplänen und
durch ihre Begleitung auf den langen Trainingsläufen unterstützt hat,
Rosemarie und Sigi, meiner Schwester und meinem Schwager, die in Boston
dabei waren und bei den ganzen Besichtigungen super Rücksicht auf mich
genommen haben, bei der BAA für die super Organisation und nicht zuletzt bei
den Zuschauern, die für eine Superstimmung gesorgt haben. Ein besonderer
Dank auch an Petrus, der sich den Vorhersagen der Meteorologen widersetzt
hat und den Nebel entgegen deren Prognosen nicht aufgelöst hat.



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