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DRSL-Rennberichte

Bericht

Name des Laufes:Medien Marathon München
mehr zum Lauf: VID10
Datum des Laufes:14.10.2001 (Sun)
Ort:München
Plz:D8
Homepage:http://www.medien-marathon.de
Strecken:MA
Beschaffenheit:100% Asphalt
Profil:ebener Stadtmarathon
Wetter:10°-24°C
Teilnehmer:~6500
Name des Berichtenden:(nur für eingeloggte Nutzer sichtbar)
(Autor-LID zuordnen: Login und [Edit])

Bericht vom 1.10.2002 (Tue)
Prolog
Am Donnerstag, dem 28. Juni gegen 23:30 Uhr habe ich es getan. Ich habe mich zum Münchner
Marathon 2001 angemeldet. Startnummer 1381. Zu meiner Verteidigung habe ich zu sagen, dass
ich immer noch unter dem positiven Schock des Münchner Stadtlaufes stand.

Die Vorbereitung
Am nächsten Tag hab ich mit Stolz geschwellter Brust gleich meinem Kumpel Steffen von
meiner kühnen Anmeldung erzählt und...
...und, dass ich "es" in unter 4 Stunden schaffen will. Steffen, damals noch gesund -
mittlerweile plagt ihn sein Knie sehr - , war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.
Wollten wir uns doch gemeinsam auf den Rennsteiglauf 2002 vorbereiten. Und zwar den
Männerlauf, also den Marathon. Nicht die Buben-Halbmarathonstrecke, die wir dieses Jahr
gelaufen waren. Er meinte, womit er sicher nicht unrecht hatte, dass ich mir ganz schön
viel vornehme. In nur 14 Wochen von einer, für mich, guten Halbmarathonzeit von 1:45 auf
eine Marathonzeit von 4 Stunden hochzutrainieren. Anfangs war ich von diesem Statement
schon etwas enttäuscht. Hatte ich mir doch gerade von ihm die mentale Unterstützung
erhofft, die mir in den harten 14 Vorbereitungswochen Mut geben sollte. Erst einige Wochen
später habe ich gemerkt, wie motiviert ich doch dadurch war. Immer wieder hab ich ihn in
unseren Mittagspausen damit malträtiert, wie es mit meinem Training läuft. Er tat mir
schon etwas leid. Zumal wenige Wochen später seine Knieprobleme größer wurden und er
unsere gemeinsamen Trainingsläufe, die seit November 2000 zum festen Bestandteil meines
(Läufer)Lebens gehörten, immer öfter absagen musste.
Ich erhöhte - etwas zu schnell - mein Trainingsumfach auf ca. 60 km verteilt auf 5
Trainingseinheiten pro Woche. Die Eckpfeiler meiner Vorbereitung waren 3 sog.
Marathonkontrolläufe. Also 30 Kilometer im intensiven Bereich (Hf ~80-85%). Ich wollte
diese langen Läufe auch dazu nutzen, mich daran zu gewöhnen, während des Laufens zu essen
und trinken. Meine wenigen Halbmarathons war ich bisher immer ganz ohne Verpflegung
unterwegs ausgekommen. Das geht auf der Marathonsdistanz natürlich nicht. Die erste dieser
drei Generalproben war für den letzten Sonntag im Juli angesetzt. Mir fehlte jedoch noch
eine geeignete Strecke. Da ich kein Fahrad besitze und von der vermessenen 5km Runde im
Olympiapark und Westpark erst nach dem Marathon erfahren habe, habe ich diese drei langen
Läufe einfach auf der 400m-Tartanbahn des Unigeländes Neubiberg (bei München!) gemacht.
Wahnsinn! 30km. Das sind gerade mal 75 Runden. Perfekt vermessen. Perfekt zur Kontrolle
der einzelnen Kilometerzeiten. Perfekt um an den Rand der Strecke meinen persönlichen
Verpflegungsstand aufzubauen, an dem ich ja 75 Mal vorbeikommen sollte. Aber trotzdem
ziemlich idiotisch. Meinten auch alle, denen ich davon erzählt habe, und das war mein
ganzer Bekanntenkreis.
Die letzten 10 Tage vor meinem ersten 30er waren schon sehr heiss gewesen und für diesen
Tag waren brutale 35° C vorhergesagt worden. Ich war also schon um 6 Uhr aufgestanden und
startete um genau 8 Uhr morgens. Für mich eine schreckliche Zeit zum Laufen. Es war
brutal. Nach 28 km kam ich zur Einsicht, dass es nun klüger sei, aufzuhören. Ich hatte die
fast 4 Liter bereits nach Km 22 aufgebraucht und es wurde immer heisser. Bei 2:57 blieb
meine Stoppuhr stehen. Hmm. Das gäbe - wäre ich fähig in diesem Tempo weiterzulaufen -
eine Zeit um die 4:20. OK. Ich blieb optimistisch.
Mein Privatleben litt sehr. Mein ganzes Leben kreiste nur noch um den Marathon, der ja
immer noch 2 Monate entfernt lag. Mitte August war es dann soweit. Ich wollte hinwerfen.
Aufgeben. Es wurde mir zu viel. Wie so oft habe ich mal wieder etwas überzogen emotional
reagiert. Nach 5 Tagen, während meines ersten Laufs "danach" - ohne das große Ziel am 14.
Oktober - entschied ich mich aber, doch weiter zu machen.
Mein zweiter 30er, vier Wochen nach dem ersten, lief super. 30km in 2:55. Die Entscheidung
durchzuhalten war wohl doch richtig. Hie und da baute mich Steffen mit unscheinbaren
Bemerkungen wie "Du wirst dir doch 7 Wochen davor die Butter nicht vom Brot nehmen lassen"
gewaltig auf. An dieser Stelle schon Mal ein dickes Danke Schön dafür! Nun begann ich
immer häufiger davon zu träumen bei 3:57 ins Stadion einzulaufen.
Der Sommer verabschiedete sich langsam. Mein letzter 30er, 3 Wochen vor dem Tag X, verlief
alles andere als gut. Es war kalt, windig und es regnete in Strömen. Mutterseelen allein
auf ner verlassenen Tartanbahn. Nach 25km war Schluss (2:20). Ich war total alle. Oje! Ein
herber Schlag. Ich schob es auf's Wetter, die schlechte Tagesform und überhaupt.
Eine Woche bis zum großen Tag: ich bekam Halsschmerzen. Das musste ja so kommen
(selffulfilling prophicy;-). Das war schlimm. War ich doch die letzten 6 Monate gesund
gewesen. Und nun ein letzter Hilfeschrei meines Körpers: "Gerhard! Tu's nicht!". Mit viel
Vitaminen und besonders viel Schlaf (ich hab' in der letzten Woche davor nur ca 28 Stunden
gearbeitet, weil ich einfach meinen Wecker ausgeschaltet habe, um meinem Körper soviel
Schlaf zu geben, wie er für richtig hält), konnte ich meinen Körper doch dazu
überstimmen, nach 4 Tagen (Donnerstag) wieder einigermaßen gesund zu sein.

Die Organisation
Ich hatte allen Leuten aus meinem Bekanntenkreis und meiner Arbeit erzählt: "Ich nehme am
Münchner Marathon teil. Ich will es in unter 4 Stunden schaffen!". Ganz schön groß
schnäuzig. Ich wollte alles tun, damit mein Traum (bei 3:57 ins Stadion zu laufen) in
Erfüllung geht. Ich habe den Großteil meiner Freunde dazu motivieren können, an der
Strecke zu stehen, um mich anzufeuern und mich mit eigenen Getränken und Energieriegeln zu
versorgen. Hier die besagten Helfer in alfabetischer Reihenfolge.
Annette, meine Mama, Micha, Moni, Rainer, Sabine, Tobi (meinte zu diesem Zeitpunkt noch,
er würde in die Berge gehen), Wolli und zwei Mädels, die in Begleitung von Katrin, Jan und
Christian aus Münster dabei waren (Sorry, aber wenn ich eure Namen habe, werde ich euch
nachtragen!).
Ich hatte mir Stadtpläne kopiert und nach der Beschreibung im Internet die Strecke auf
diesen Kopien eingezeichnet. Am Samstag Abend habe ich alle zu mir nach Hause eingeladen
zum großen Spaghetti Essen und um auszumachen, wer wo wann an der Strecke steht, um mich
mit Getränken und Riegeln zu versorgen. Ich hatte die Bude voll.
Moni meinte schließlich, sie könnte ja versuchen, mich auf Inline Skates zu begleiten, wie
sie es bei Andi in Berlin schon getan hatte. Sie würde etwa bei Kilometer 32 einsteigen.
Super! Eine Begleitung für die letzten 10 Km.
Folgendermaßen würden sich meine Leute postieren:
Km 5 (Elisabeth Ecke Tengstr.) Sabine
Km 9 (Königsplatz) Annette
Km 11 (Königsplatz) Annette
Km 14 (Im Tal, gegenüber Conrad) Mama
Km 16 (Nach dem "Rosenheimer Berg") Micha, Wolli, ...
Km 20 (Neumarkter Straße) Sabine
Km 23 (Vollmann Ecke Odinstr.) Rainer
Km 26 (Oberföhringer Ecke Odinstr.) Rainer
Km 30 (Seehaus, Englischer Garten) Annette
ab Km 32 (Dietlinden Ecke Biedersteinerstr.) Moni
Km 36 (Leopold Ecke Franz-Joseph Str.) Micha, Wolli, ...
Km 39 (Ackermann Ecke Rudolf-HorbigWeg) Annette
Ziel alle

Klasse Betreuung? Es kam noch viel besser!

Nachdem die ganze Bagage gegen 21:30 gegangen war, ging ich sehr bald ins Bett und bin
doch dann tatsächlich gegen 23 Uhr eingeschlafen. Der Wecker war auf 6 Uhr gestellt.

Der Tag X (vor dem Start)
Um 5:50 Uhr bin ich aufgewacht. Ich hab doch tatsächlich fast 7 Stunden geschlafen. Sofort
bin ich aufgestanden und hab mir die restliche Portion Spaghetti aufgewärmt und gegessen.
Natürlich hatte ich mir am Vorabend schon alles bereitgelegt (Startnummer auf Shirt,
Nasenpflaster, Chip am Schuh befestigt, Tasche mit Duschzeug, alles...). Ich hatte mir
sogar eine Liste geschrieben, damit ich ja nichts vergesse.
Um ca 7:20 bin ich zur U-Bahn gegangen und war, nach einem netten Plausch mit einem
Rot-Kreuz-Sanitäter während der Fahrt, um kurz nach 8 Uhr am U-Bahnhof Olympiagelände.
dort bin ich dann einfach der Masse hinterhergegangen. Ich war schon so nervös, dass zu
befürchten war, dass mir schon vor dem Start das Adrenalin ausgehen würde.
Vor der Halle, in der man seine Tasche aufgeben konnte, habe ich mich umgezogen und dort
dann gleich die Laimer Fraktion (Micha, Wolli und Team Münster) getroffen. Das Aufgeben
der Tasche war leicht chaotisch. Die 5000 anderen Teilnehmer wollten das halt auch in
diesem Moment tun. Dann bin ich gemeinsam mit den 3 Münster Läufern und Micha, Wolli und
den zwei Mädels aus Münster zum Start gegangen. Als wir dort waren, war es schon 8:55 Uhr.
Ich hab mich kurz gedehnt, den anderen Glück gewünscht und in die lange Menschenschlange
eingereiht. Dann fiel der Startschuss.

Der Marathon
Als ich über Start bin, waren die besten schon bei Km 2. Aber wen stört das. Den ersten
Kilometer hab ich in 5:38 erwischt. Ideal. Für die 4 Stunden hätte ich jeden Kilometer in
5:41 laufen müssen. Die ersten Kilometer zogen sich ein wenig. Es ging mir zwar sehr gut,
aber ich war schon heiss, von meiner erste Betreuung (Sabine) angefeuert zu werden und
ausserdem freute ich mich auf die Leopoldstraße. Mir gingen 1000 Dinge durch den Kopf. Ab
wann wird´s weh tun? Wird es sehr heiss werden?
Dann - endlich - bei Kilometer 5 stand Sabine. Sie gab mir meinen ersten Riegel und die
erste Flasche. Ich aß die hälfte und verschenkte die andere Hälfte an jemanden neben mir.
Aber da stand ja nicht nur Sabine und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Da waren ja
auch Moni und Andi auf ihren Skates. Was macht ihr denn schon da? Sie fuhren mit mir
mit!!! Moni würde mich begleiten und Andi würde seinem Kumpel Roland unterstützen, sobald
er ihn sehen wird. G E I L! Ein paar Minuten später bogen wir auf die Leopoldstraße. Diese
Situation hatte ich mir in vielen einsamen Trainingsläufen schon hunderte Mal vorgestellt.
Strahlend blauer Himmel, im Pulk von Läufern, gesäumt von vielen applaudierenden
Zuschauern auf die Münchner Freiheit zuzulaufen. Für jeden laufbegeisterten Münchner
Läufer ein Traum. Hier gingen die Beine von selbst. Viel zu schnell bogen wir dann rechts
ab Richtung Königsplatz. Dies war der einzige Streckenabschnitt (mit der Ackermannrunde
bei Kilometer 38), wo die Strecke doppelt gelaufen wurde. Man konnte sich also in aller
Ruhe mal 3 - 3:30 Läufer ansehen. Respekt. Die waren in dem Tempo unterwegs, mit dem ich
meine 1000m Bahneinheiten absolviere.
Nun überholte mich Roland, der Kumpel von Andi mit einem Affentempo. Andi schloss sich ihm
an. Schnell hatte ich die beiden im Getümmel der Läufer aus den Augen verloren. Nun kamen
wir zum Königsplatz , wo Annette und Tobi warteten. Nanu! Tobi wollte doch an diesem Tag
in die Berge. Ich freute mich, ihn zu sehen. Moni tat mir schon ein wenig leid, denn nun
ging es ca. einen halben Kilometer auf Kopfsteinpflaster dahin. Ich rief den beiden zu,
sie sollten meine Ration Moni geben. Schon zu diesem Zeitpunkt tat es einfach gut zu
wissen, dass etwa alle 5 Kilometer - also etwa alle 28 Minuten - jemand auf einen wartet.
Nach ca 2 Kilometern kam ich bei Annette und Tobi nochmals vorbei.
Nun ging's zurück zur Leopoldstraße in Richtung Odeonsplatz und von dort weiter zum
Marienplatz. Schon von weitem war zu hören, dass es dort ziemlich laut herging.
Lautsprecherboxen mit lauter Musik und viele Leute waren dort. Toll! Am Sendlinger Tor
hielt ich Ausschau nach Katja, aber die war, wie sich später herausstellte, zu diesem
Zeitpunkt noch in Italien. Ein wenig später Im Tal wartete meine Mama. Sie war ganz
aufgeregt. Ich auch, denn seit ein paar Minuten hatte ich leichte Magenschmerzen. Wenn ich
nichts mehr zu mir nehmen könnte, würde das das Aus bedeuten. Ganz vorsichtig trank ich
aus der Flasche. Es schien zu gehen. Von nun an biss ich immer nur ganz kleine Stückchen
von den Energieriegeln ab. War ja auch kein Problem, denn Moni fuhr ja immer an meiner
Seite und ich musste nur die Hand aufhalten und schon war der Riegel oder die Flasche in
meiner Hand. Nun - nach etwas über einer Stunde - begann es langsam anstrengend zu werden.
Es ging Richtung Deutsches Museum und von dort hoch zum Gasteig. Ich war diese einzige
ernst zu nehmende Steigung einige Male im Training gelaufen und so wurde ich nicht von ihr
überrascht. Ausserdem warteten kurz nach dem Gasteig auf der Rosenheimer Straße Micha,
Wolli und Team Münster.
Am Abend danach meinte Wolli, dass ich bereits zu diesem Zeitpunkt ziemlich verkrampft
geschaut haben solle. Hmmm. Ich kann das nicht bestreiten. Es tat schon bei Kilometer 16
ein bisschen weh. Nun kam ein Teilstück, das ich ein wenig fürchtete: hinter dem
Ostbahnhof Richtung Zamdorf. Ich befürchtete, dass wir Läufer dort wohl ziemlich alleine
sein würden. Nichts dergleichen! Gerade auf der langgezogenen Neumarkter Straße standen
links und rechts durchgängig Leute und klatschten. Nun gut. Es war ja mittlerweile fast 11
Uhr, die Sonne schien und wurde richtig warm. Die Leute standen nun bereits kurzärmlig da.
Ich nutzte bereits seit einiger Zeit die Wasserverpflegungsstationen um mir mit einem
Schwämmchen, das mir Moni besorgt hatte, den Kopf und die Nierengegend zu kühlen. Ich
freute mich bereits auf Sabine, da sie mich schon bei Kilometer 5 sehr emotional
angefeuert hatte. Sie versuchte eine Weile neben mir herzulaufen, musste jedoch nach 500
Metern abreissen lassen. Schade.
Nun trat ein Phenomän zu Vorschein, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte. Ich wurde
aggressiv. Es tat bereits sehr weh. Ich hatte gerade erst die Hälfte der Strecke hinter
mir. Ich wollte es unbedingt schaffen und setzte mich sehr unter Druck. Und diese Angst
äusserte sich in einer unglaublichen Aggression. So wurde ich immer patziger gegenüber
Moni. Ausserdem schnautzte ich Läufer an oder rempelte sie sogar, die unmittelbar vor mir
an Verpflegungsstellen stehen blieben und ich unweigerlich etwas ausweichen musste.
Nun kamen die ersten Kilometer, die langsamer waren. Ganz erschrocken musste ich
feststellen, dass ich den Kilometer eben in über 5:50 Minunten gelaufen war. Das trug
natürlich nicht besoders zu meiner Stimmung bei. Ich war besessen von der Angst, dass
schon bald der Mann mit dem Hammer kommen würde. Bei Kilometer 23 wartete Rainer -
ebenfalls auf Inlinern. Moni rief ihm bereits von weitem zu, dass er doch mitfahren solle,
was er dann auch tat. Das freute mich, denn nun musste ich mich ein wenig mehr
zusammennehmen. Ich hoffte somit meine Aggression auf die Straße unter mir und nicht auf
meine Begleiter abzulassen.
Von nun an werden meine Errinnerungen immer emotionaler. Bei Kilometer 30 warteten wieder
Annette und Tobi. Tobi hatte Laufzeug an. Er wollte die letzten 12 Kilometer mitlaufen!
Toll! Ein weiteres Highlight, ohne die Leistung von Moni unter den Scheffel stellen zu
wollen. Es ging in den Englischen Garten. Nun kamen die einzigen Passagen, deren
Streckenführung ich nicht genau kannte. Die befürchteten Schotterweg-Abschnitte blieben
aus. Wir blieben auf Asphalt. Nur ein paar hundert Meter musste Moni sich von uns trennen,
da es über ein kurzes Schotterstück ging. Ich war voll von Agressivität und vor allem
Schmerz. Ich fühlte mich, als hätte ich 40° C Fieber und hatte brutale Gliederschmerzen.
Ich lief und lief. Langsam glaubte ich wieder daran, es in unter 4 Stunden schaffen zu
können, obwohl es immer wärmer wurde und ich nun schon die Straßenseiten suchte, die im
Schatten lagen. Bei Kilometer 36 sah und hörte ich schon von weitem Micha, Wolli und Team
Münster.
Ich glaube, ich konnte ihnen nicht mal zulächeln oder sonst ein Zeichen geben (vielleicht
hab ich ja doch kurz die Hand gehoben). Ich war wie in Trance. Meine Sinne waren aber,
denke ich jedenfalls, noch einigermaßen OK. Immer wieder forderte ich meine Begleiter
barsch auf, mir doch etwas zu erzählen, damit ich von meinen Schmerzen abgelenkt werden
würde. Mir half es schließlich sehr, von Tobi ständig Feedback zu bekommen bzgl. des
Tempos oder der Streckensteigung. Bei Kilometer 39 stand dann nochmal Annette sehr
lautstark am Streckenrand. Bei Kilometer 40 etwa überholte wir dann wieder Roland, der die
ersten 21 Kilometer in 1:41 gelaufen ist (!), dann aber unter schrecklichen Wadenkrämpfen
gelitten haben soll. Den eigentlichen Überholvorgang habe ich gar nicht mitbekommen. Moni
meinte nur, dass wir gerade an den beiden (Andi war ja bei ihm) vorbei sind. Wir befanden
uns gerade auf der Ackermannrunde (eine Schlefe - nicht auf der Ackermanstraße - die die
Organisatoren eingezogen haben, da ihnen wohl ein paar hundert Meter Strecke abgingen) und
so könnte ich ihm wenige Minuten später entgegenlaufend zuschreien, er solle die Zähne
zusammenbeissen. Schon ab Kilometer 35 konnten wir den Olympiaturm sehen. Nun kam das
Olympiastadion in unser Blickfeld. Die letzten Kilometer stand ich erstaunlicherweise alle
in unter 6 Minuten durch. Es ging in den Olypiapark. Bergauf! Brutal! Schmerzen. Doch die
etwa 10 Höhenmeter waren dazu gut um bei Kilometer 41 das erste Mal ins Zielgelände
hinabzusehen. Ich hatte nur noch einen Gedanken. "Ich schaffe es!". Wir liefen die 10
Höhenmeter wieder abwärts. Direkt vor dem Stadion waren sehr wenig Leute. Schade. Klar.
Die waren alle im Stadion. Hätte ich ja auch gemacht.

Schließlich kam der Moment, den ich mir 3 Monate in meinen Träumen - während des
Trainings, oder bei vielen anderen Gelegenheiten, wenn meine Gedanken zu diesm Ereignis
vorschweiften - bereits hunderte Male ausgemalt hatte. Es war genau so, wie ich es mir
vorgestellt hatte! Moni musste kurz vor dem Statdioneingang ausscheren. Nun war nur noch
Tobi bei mir. Wir kamen ins Stadion. Es waren viele Leute da. Der Innenraum war -
natürlich - schon sehr voll mit Läufern. Es war laut, aber ich konnte trotzdem noch meinen
Atem hören. Ich vergaß nicht mal bei der Kilometerangabe "42 " die Zwischenzeit auf meiner
Uhr abzuspeichern. Ich sah sogar auf meine Uhr. Hatte das Tempo bereits angezogen. Die Uhr
zeigte 3:57! Ich lief an Micha, Wolli und den Münster Mädels vorbei. Tobi, glaube ich, gab
mir wenige Meter vor der Ziellinie noch einen Klaps und rief mir vielleicht noch etwas zu.
Ich weiß es nicht mehr. Ich lief über die Ziellinie, stoppte selbst auch meine Uhr.
3:38:57 . Die Medaille wurde mir umgehängt. Sofort schlug ich nach links auf die Wiese und
suchte mir - gehend- ein Fleckchen, wo ich mich hinlegen konnte. Meine Schwester kam
schreiend zu mir. Ich sank nieder. Sie zog mir sofort die Schuhe und Strümpfe aus
(Respekt;-) und massierte mir eine kühlende Lotion auf die schmerzenden Füsse und Waden.
Tobi, Rainer und Moni waren nun auch wieder um herum. Ich sah in den blauen Himmel und
dachte mir, wie lange es wohl dauern würde, bis die Schmerzen ein wenig nachlassen würden
und wie lange es dann dauern würde, bis ich wieder kühn werden würde um mir evtl. eine
Wiederholung dieser Schinderei vorstellen zu können. Es dauerte gar nicht so lange.
Wir gingen - ich humpelte - zu den anderen. Die Münsteraner sind 3:35 und zweimal 3:43
gelaufen. Wahnsinn. Ich saß mit ihnen im Gras und genoß die warme Sonne.
Auf dem Weg zur Dusche traf ich den Mann, der mich im April 1998 wieder zum Laufen
motiviert hatte: Jens. Als ich ihm das erzählte, war er ganz erstaunt. Wenn wir ein Bier
dabei gehabt hätten, wir hätten uns wohl - nach alter Duschbier-Tradition - unter den
Duschen hingesetzt und es getrunken.


Wir blieben noch lange im Zielraum, genossen die Sonne, die wir an diesem Tag alle
genügend abbekommen hatten, und die Stimmung. Eine unglaubliche Stimmung.
Marathonstimmung. So viele Eindrücke und noch mehr Emotionen.
Sabine hat mich schließlich heimgefahren. Am Abend gab es bei Micha und Wolli noch was
leckeres indisches.

Ein wenig Statistik für Interessierte:
Meine Kilometerzeiten lagen zwischen 5.06,6 (Km 6) und 6:07,8 (Km 33).
Meine durchschnittliche Herzfrequenz lag bei 171 Schlägen/Minute.
Mein Körpergewicht betrug etwa 85kg.
Lehrreiches
- Meine Schuhe waren fast neu (gerade mal etwa 75km). Das brachte mir einige Blasen und
blaue Zehen.
- Den nächsten und evtl. übernächsten Tag sollte man Urlaub nehmen.
+ Ich wurde, wenngleich illegal, besser versorgt als der Sieger. Ich fürchte, das werde
ich in dieser Form nicht mehr erleben dürfen. Ich
bin die kompletten 42195m gelaufen. Musste nie anhalten um Wasser oder verpflegung
aufzunehmen. Das brachte sicher 5 Minuten.
ausserdem bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht ab Kilometer 35 einge Male ein
Stück gegangen wäre, wenn ich nicht ständig begleitet
worden wäre.
The days after
Der Muskelkater war geringer als befürchtet. 9 Tage danach hab ich mir zum ersten Mal
wieder die Laufschuhe angezogen. Eine weiter Woche später hab ich Jens und Britta an der
Isar beim Joggen getroffen. Wir haben ausgemacht, uns am Sylvesterlauf zu treffen. Daraus
wurde leider nicht. 2 Wochen später hat es mir während meines ersten Trainings von der
Arbeit aus schmerzhaft im Knie gestochen. Tractus illiotibialis. Mein Aussenband am Knie,
bzw. wohl der Schleimbeutel darunter hat sich sehr schmerzhaft entzündet. Erst 2 Monate
später - Mitte Januar - konnte ich wieder ernsthaft mit dem Training beginnen. Um die
Erfahrung reicher, dass man mit 30 auf seinen Körper acht geben muss und ein wenig
Stretching vor und nach dem Training nicht schlecht ist.
Epilog
Am Donnerstag, dem 30. Januar gegen 21:30 Uhr habe ich es getan. Ich habe mich zum
Münchner Marathon 2002 angemeldet.
Startnummer 524...


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